24. Juli 2017 SUW

„Ich bin sehr froh, mir die Zeit genommen zu haben“

Abschlussfoto an der Grenzlandgedenkstätte Heinersdorf nach einem beeindruckenden Tag (ganz rechts Wolfgang Scheler, Hauptamtsleiter Judenbach)

Albrecht Morgenroth im Gespräch mit Bodo Ramelow

Die Stiftung Judenbach hat dem vielseitigen Künstler Ali Kurt Baumgarten (1914-2009) ein eigenes Museum gewidmet und ihm damit ein bleibendes Denkmal gesetzt. Die Fotos gewähren einen Blick auf Baumgarten-Werke der Gemälde- und Grafiksammlung des Muses (Bild oben und unten)

Mike Baumgarten (weißes Hemd), Enkel des Judenbacher Ausnahmekünstlers, führte die Gäste durch die Sammlung der Baumgartenschen Werke und wusste viel Wissenswertes zu berichten. (v.l.n.r.: Albrecht Morgenroth, Bürgermeister von Judenbach, Karl-Friedrich-Schindhelm, 1. Beigeordneter Neuhaus-Schierchnitz, Ministerpräsident Bodo Ramelow, Knut Korschewsky und Mike Baumgarten)

v.l.n.r.: Knut Korschewsky, Bodo Ramelow, Mike Baumgarten und Albrecht Morgenroth

Ministerpräsident Bodo Ramelow trug sich in das Gästebuch der Stiftung Judenbach ein. "Ein wunderbares Projekt! Eine Stiftung für Kunst, Kultur und Spielzeug. Ich wünsche der Stiftung Judenbach gaaaanz viele Besucher. Herzlichst, Bodo Ramelow."

Bodo Ramelow im Gespräch mit Knut Korschewsky und Karl-Friedrich Schindhelm

Bas Groenen (rechts neben Bodo Ramelow) erklärt am Beispiel des als Firmenwagen genutzten PKW eine von Kumatec entwickelte Innovation, mit der es nunmehr möglich ist, Wasserstoff zu speichern, um ihn z.B. zum Tanken nutzen zu können. Umgesetzt wird das durch einen Druck-Elektrolyseur, der im Container im Hintergrund untergebracht ist.

MP Bodo Ramelow versuchte sich am Firmenfahrzeug von Kumatec als Wasserstofftankwart.

Neuhaus-Schierschnitz/Judenbach. „Das ist unser aktuelles Bauprojekt – ein Veranstaltungsraum, mit dem wir endlich geeignete Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen, die Vereinstätigkeit und unsere regelmäßigen Festlichkeiten schaffen“, berichtete Karl-Friedrich Schindhelm auf Nachfrage Bodo Ramelows, dem das Baugeschehen neben dem Rathaus bei der Begrüßung aufgefallen war. Wenig später setzte der 1. Beigeordnete der Gemeinde Neuhaus-Schierschnitz mit breiter Brust die Berichterstattung zur positiven Entwicklung des Ortes fort. An dem ausführlichen Informationsaustausch im Rathaus nahm auch Landrätin Christine Zitzmann teil, die immer wieder wohlwollend zu den Ausführungen des Hausherrn nickte.

„Wir haben, bei 3100 Einwohnern, 1550 Industriearbeitsplätze und 350 im Dienstleistungsbereich, davon sind 750 durch Einpendler besetzt, die nicht nur aus den umliegenden Orten und Oberfranken, sondern auch aus der Stadt Sonneberg zu uns kommen. Wir haben eine Grundschule von der 1. bis zur 10. Klasse, Kindergarten, ein breites Spektrum an medizinischer Betreuung, Apotheke, Bäcker, Fleischer, Einkaufsmärkte; Autohäuser, Tankstelle und, und, und. So könnten wir die Funktion eines Grundzentrums ohne weiteres ausfüllen“, ergänzte Schindhelm. Im Gewerbegebiet würden zudem zwei weitere Betriebe ansiedeln, „dann sind wir voll. Ich denke, das reicht auch. Es nützt ja niemandem, wenn wir erweitern und erweitern, und die Unternehmen finden dann keine Arbeitskräfte.“

Mit dem Wohnungsbau sprach der Beigeordnete ein eher „positives“ Problem an. Immer wieder kämen Nachfragen von jungen Familien, die ihren Lebensmittelpunkt nach Neuhaus verlegen wollten. Im Rathaus arbeite man deshalb intensiv an der Bereitstellung von Bauplätzen. Schindhelm: „Wir kaufen auch im Zuge der Ortskernerneuerung alte Häuser auf, um dort entsprechende Möglichkeiten zu schaffen. Es spricht ja schließlich für uns als Gemeinde, wenn die Nachfrage permanent hoch ist.“ Ähnliche Tendenzen böten sich bei den älteren Menschen. Die AWO realisiere im Ort aktuell ein Projekt für Betreutes Wohnen mit 29 Einheiten. Schon vor dem ersten Spatenstich sei die Warteliste an Interessenten voll gewesen.

Größere Bauprojekte stünden nach Aussagen des aktuellen Gemeindeoberhauptes in Sachen Schule und Kindergarten an. „Wir benötigen eine neue Schule und erachten eine Grundschule von Klasse 1 bis 10 als sinnvoll. So halten wir die Schüler lange im Ort. Durch Kooperationen mit ortsansässigen Firmen werden zudem berufliche Ambitionen ausgetestet und bei Bedarf vertieft. Unsere Erfahrung sagt uns nämlich auch, dass von denen, die sich nach der Schule für eine Berufsausbildung in anderen Regionen entscheiden, die wenigsten wieder zurückkommen.“ Als Großbaustelle Nummer 2 stünde der Kindergarten auf dem Plan. Dort soll mit der Errichtung eines Anbaus die Kapazität erhöht werden. Die aktuellen 95 Plätze reichten schon lange nicht mehr aus. Ähnlich gestalte sich die Situation in den Einrichtungen der Nachbargemeinden, ein Ausweichen dorthin sei also auch nicht möglich. „Wir als Gemeinde zahlen unseren Familien 200 Euro an „Unterhalt“ für jedes Kind, das nicht bei uns unterkommt“, verwies Schindhelm auf die gewollte Übernahme von Verantwortung.

Wir wollen Föritztal

Mit einem deutlichen Fingerzeig auf den Aktenschrank lenkte der Hausherr im Anschluss das Gespräch auf die Gebietsreform. „Dort stehen drei volle Ordner zum Thema und unserer geplanten Fusion mit Judenbach und Föritz. Wir haben ihnen die wichtigsten Unterlagen in einem Ordner kompakt zusammengestellt, den ich ihnen gerne mitgeben würde“, überreichte Karl-Friedrich Schindhelm die Dokumentensammlung an den Ministerpräsidenten.

Dieser zeigte sich sehr erfreut über den neuerlichen konkreten Hinweis, wo die Reise für die Gemeinde hingehen soll. „Mir fällt gerade kein Ort in Thüringen ein, der eine solche Industriedichte und Prosperität hat wie ihr. Kürzlich waren wir in Artern und dort schlug mir deutlich weniger Optimismus entgegen. Obwohl die jetzt ihren Autobahnanschluss haben und ein Gewerbegebiet, herrscht 20 Jahre nach der Wende noch immer so eine Art selbstgemachte Depression. Bei euch spüre ich da eine komplett andere Stimmung und das freut mich außerordentlich“, sprach Bodo Ramelow ein erstes Lob an die Protagonisten vor Ort aus. Und ergänzte: „Übrigens habe ich in dem Interview zu den Kragengemeinden eure Namen gar nicht genannt. Der Kollege Korschewsky hatte mich im Nachgang sofort gerügt, wie ich sowas verkünden könnte. Habe ich aber nicht, das wurde von einem Journalisten ergänzt, der wohl meinte, meine Gedanken lesen zu können. Ich hatte aber bei diesem Thema eine ganz andere Gemeinde im Kopf.“ Den Besuch in der Region wolle der Landeschef nutzen, um ein Gefühl für die konkrete Lage vor Ort zu bekommen. „Dann habe ich doch in den anstehenden Diskussionen und Entscheidungsphasen eine ganz andere Möglichkeit zum Argumentieren und kann mit ruhigem Gewissen agieren. Ihr habt eure Hausaufgaben gemacht, euer Antrag war auch als erster da. Und selbst wenn das Landesverwaltungsamt heute mitteilt, dass man euer Vorhaben nicht unterstützen wolle, ist das doch nicht das Aus für euch. Nach dem Urteil vom Verfassungsgericht steht bei uns die „Beschleunigung“ von freiwilligen Zusammenschlüssen oben an. Und wenn wir von euch ein entsprechendes Signal zum Handeln bekommen, dann werden wir aktiv. Ich persönlich sehe jedenfalls keinen vernünftigen Grund, gegen Föritztal zu sein“, machte Bodo Ramelow deutlich.

Sonneberg braucht starkes Umland

Daran anknüpfend ließ der Gemeindechef seinem Unmut über das Handeln der Sonneberger Stadtratsfraktion von CDU und FDP freien Lauf. „Deren Resolution, das Land möge gegen die Fusion stimmen, finden wir mehr als unredlich. Wie kann ein Teil eines Stadtrates Einfluss nehmen wollen auf die kommunale Selbstbestimmung einer anderen Kommune?“ Man würde durch die Fusion doch kein Gegenpol zu Sonneberg. Eine Stadt wie Sonneberg brauche vielmehr auch ein starkes Umland. „Wir sind nun mal von ländlicher Struktur geprägt, haben z.B. 22 Vereine, die u.a. eine tolle Nachwuchsarbeit leisten, unsere Migranten sind integriert. Wieso sollen wir nicht ein verlässlicher Partner für Sonneberg sein? Dazu muss man uns nicht eingemeinden. Außerdem hat niemand aus dem Sonneberger Rathaus ein Gespräch mit uns führen wollen. Das Angebot ging nur an Föritz. Vielleicht hatte man die Hoffnung, wenn man Föritz gewinnen könne, kämen Neuhaus-Schierschnitz und Judenbach schon von alleine, da kaum andere Möglichkeiten blieben.“

Dem schloss sich weitestgehend auch die Landrätin an. Natürlich müsse man den Sonnebergern zugestehen, dass sie vieles erreicht haben. Das dürfe man auch nicht klein reden. „Aber man kann eine Stärkung und Erweiterung auch ohne neue Eingemeindungen erreichen. Wir schwächen doch die Stadt nicht durch die Bildung von Föritztal. Natürlich gehört Mut dazu, in der jetzigen Phase zu sagen, wir sollten Strukturen schaffen, die mehr sind als reine Grundzentren. Also etwa Frankenblick zusammen mit Schalkau und Bachfeldoder Steinach, Lauscha und Neuhaus mit Goldisthal. Anders wird es schwer gehen. Wir müssen jetzt Aufgaben zuordnen. Ich denke, man kann die Schieflage Sonnebergs nicht mit weiteren Eingemeindungen lösen. Vielmehr sollte die Stadt Partnerschaften festigen ins Umland und nach Bayern. Nunmehr ist es Aufgabe des Landtags, diesen Vorhaben die Türen zu öffnen.“ Und Knut Korschewsky ergänzte: „Die Bildung der Gemeinde Föritztal ist nach dem Anschluss von Oberland an Sonneberg folgerichtig. Eine starke Gemeinde Föritztal trägt auch zur Entwicklung von Sonneberg als Länder übergreifendes Zentrum bei.“

Überraschung geglückt

Die zweite Station seines Besuchs führte Bodo Ramelow in das Industriegebiet. Bei der Kumatec GmbH brachten Bas Groenen (Leiter Finanzwesen) und Michael Bauer (Entwicklung) dem Gast die verschiedenen Geschäftsfelder des innovativen Unternehmens nahe. Neben dem Sondermaschinenbau fertigt Kumatec im Kundenauftrag komplexe Hybrid- und Mechatronikbaugruppen auf speziell erstellten Montage- und Prüfanlagen im eigenen Haus. Der dritte Schwerpunkt liegt in der Produktentwicklung im Kundenauftrag und der Entwicklung eigener Produkte im GreenTec-Bereich. Zusätzlich arbeitet Kumatec mit Forschungsinstituten und Universitäten an diversen Entwicklungsprojekten. Eine dieser Zukunftsoptionen konnte der interessierte Gast am konkreten Beispiel in Augenschein nehmen. Die Kumatec war maßgeblich an der Entwicklung eines Druck-Elektrolyseurs beteiligt. Neu an diesem ist, dass er Wasser wie gewohnt in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlege, zusätzlich beides aber auch unter Druck speichern könne. Der so gewonnene Wasserstoff könne dann als Treibstoff genutzt werden. Praktiziert würde das in Neuhaus-Schierschnitz seit einiger Zeit an einem Firmenwagen von Kumatec, der nach drei Minuten auftanken fast 600 km zurücklegen kann, emissionsfrei.

„Ich war ja auf einiges eingestellt. Aber dass ich heute hier im ländlichen Raum mit einer derart innovativen Firma vertraut gemacht werde, hätte ich so nicht erwartet. Hut ab vor dem, was sie leisten und damit auch dem Land Thüringen an Anerkennung und Nutzen erarbeiten“, zeigte sich der Ministerpräsident tief beeindruckt. Man werde auf alle Fälle in Verbindung bleiben, um bei der Forcierung eines weiteren Projekts Unterstützung zu leisten, versprach der Landeschef.

Einzigartiges Kunst- und Kulturprojekt

In Judenbach wartete man am Nachmittag im Multifunktionalen Zentrum gespannt auf die angekündigten Gäste, die dort mit etwas Verspätung eintrafen. Bürgermeister Albrecht Morgenroth entführte Bodo Ramelow umgehend in „sein neues Schmuckstück“. Einer der Hauptbestandteile in Judenbachs kultureller Mitte ist die Ausstellung zum Leben und Wirken des Künstlers Ali Kurt Baumgarten. Dessen Enkel Mike ließ es sich nicht nehmen, die Gästeschar durch diese Räumlichkeiten zu führen. „Das erinnert mich sehr stark an den Besuch einer Ausstellung in Chicago kürzlich“, zeigte sich Bodo Ramelow einmal mehr überrascht. Im Obergeschoss, wo es mit der Sammlung mechanischen Spielzeugs des Ehepaars Weidner einen weiterer Schwerpunkt der „Stiftung Judenbach“ zu entdecken gab, fasste Bodo Ramelow seine Eindrücke mit einem Eintrag ins Gästebuch zusammen: „Ein wunderbares Projekt! Eine Stiftung für Kunst, Kultur und Spielzeug. Ich wünsche der Stiftung Judenbach gaaaanz viele Besucher. Herzlichst, Bodo Ramelow.“

Bei Kaffee und Kuchen nutzte der Bürgermeister anschließend die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit dem Ministerpräsidenten. Natürlich spielten dabei auch die Fusionspläne im Rahmen der Gebietsreform eine Rolle. Vor der Weiterfahrt nach Heinersdorf richtete Bodo Ramelow lobende Worte an den Bürgermeister und seine Mitstreiter. „Das war heute die zweite Überraschung des Tages. Ich bin wirklich beeindruckt und kann nur sagen. Wer noch nicht hier war, hat definitiv etwas verpasst.“ Das sorgte bei den Anwesenden sichtlich für Freude. „Es hat ihm gefallen, es hat ihm wirklich gefallen. Und das ist die Hauptsache“, resümierte eine Gemeindemitarbeiterin stolz.

Zum Abschluss eines eindrucksvollen Tages in der Region hatten die Organisatoren für den Ministerpräsidenten die Besichtigung der Grenzlandgedenkstätte und der Fischaufstiegsanlage in Heinersdorf geplant. Dort dankte der Landeschef Knut Korschewsky für die Einladung und den restlichen Beteiligten des Tages für das abwechslungsreiche und informative Programm. „Sie können sicher sein, ich war nicht das letzte Mal hier“, verabschiedete sich Bodo Ramelow und entschwand Richtung Berlin.