Besuch des Ausschusses für Bildung , Jugend und Sport in Südtirol
Im Mittelpunkt des Besuches, dem sich auch die Thüringer Bildungsministerin Dr. Birgit Klaubert und der Landtagspräsident anschlossen, stand die Frage, wie hier Schule gemacht wird. Denn dass hier Besonderes geschieht, davon war die Kunde längst bis nach Erfurt ins Landtagsgebäude gedrungen.
Südtirol ist eine ganz besondere Gegend. Nicht nur, weil dort auf 500.000 Einwohner und 7.400 km² Fläche jedes Jahr 28 Millionen touristische Übernachtungen kommen. (Thüringen: 2,3 Millionen, 16.000 km² und fast 10 Millionen Übernachtungen) Nicht nur, weil es tolle Berge und viele nette Menschen dort gibt. Auch nicht, weil hier im Norden Italiens mehr Deutsche als Italiener und Italienerinnen wohnen. Sondern am ehesten, weil Südtirol sich eigenständiger entwickelt als andere Regionen und vieles einfach anders macht. Dass das geht, ist das Verdienst seiner im Rahmen des italienischen Staates durch ein besonderes Statut geschützten Autonomie, die dem Südtiroler Landtag und den durch ihn gewählten Landesräten (Ministern) sehr weitgehende Befugnisse gibt: in der Gestaltung des Sozialbereiches, in der Gesundheit, in der Ausgestaltung der direkten Demokratie, sogar im Steuern erheben und eben – in der Bildung.
Und genau deswegen hatte der Bildungsausschuss des Thüringer Landtages die Idee, Südtirol einmal zu besuchen. Eine, wie sich erweisen sollte, sehr gute Idee.
Im Mittelpunkt des Besuches, dem sich auch die Thüringer Bildungsministerin Dr. Birgit Klaubert und der Landtagspräsident anschlossen, stand die Frage, wie hier Schule gemacht wird. Denn dass hier Besonderes geschieht, davon war die Kunde längst bis nach Erfurt ins Landtagsgebäude gedrungen.
Mit Spannung reiste die Thüringer Delegation in die 100.000 Einwohner zählende Metropole Bozen.
Nach drei Tagen ausführlicher Gespräche und Informationen im Landtag mit dem Ersten Gesetz-gebungsausschuss, im deutschen Schulamt (es gibt auch ein italienisches!) mit Schulamtsleiter Dr. Peter Höllrigl und der Inklusionsfachfrau Dr. Veronika Pfeiffer sowie im Schulsprengel Welsberg mit dem begeisternden Schulleiter Dr. Josef Watschinger war klar: die Erfahrungen und Ergebnisse der Region Südtirol in der Entwicklung ihrer Schullandschaft haben den Thüringern viel mitzugeben!
Grundlage des Schulsystems ist das tatsächlich umgesetzte gemeinsame Lernen aller Schüler bis zur Klasse 8. Dies meint sowohl die Inklusion von beeinträchtigten Kindern, wie man dort sagt, als auch eine mustergültige Förderung begabter als auch schwächerer Schüler individuell und in kleinen Gruppen im Rahmen eben derselben Schule. Der Schlüssel Lehrer-Schüler beträgt übrigens in der Grundschule von 1:8 und in der Mittelschule von 1:11, während Thüringen wegen eines Schlüssels von 1:12 finanzpolitische Vorhaltungen gemacht werden. In der Organisation der Schulen im ländlichen Raum setzt man auf flexible Lösungen im Schulverkehr, wo Kostenerstattungen an die Eltern und Kleinbusse kombiniert werden sowie auf das Modell der Sprengelschule, in der mehrere meist recht kleine Grundschulen mit einer größeren Mittelschule (Klasse 5 bis 8) unter einer Leitung zusammengeführt werden. In der Ausstattung dieser Sprengel arbeitet man mit Schulbudgets, die sich aus Zuwendungen des Landes und der Kommunen speisen. Mit diesem Budget kann die Schule weitgehend eigenverantwortlich umgehen, die Zahl der Lehrer, Sozialpädagogen und Inklusionshelfer festlegen, Kooperationen finanzieren und Sachaufwand abdecken. Sogar ein der Schule geschenkter Bauernhof wird in das Schulkonzept einbezogen und erhält seine Rolle im pädagogischen Alltag.
Die Fragen der Ausschussmitglieder waren breit gefächert: von der Größe der Budgets über die Gestaltung der Elternmitwirkung, die Beziehungen zur Kommunalverwaltung, die gesetzliche Verankerung bis zu den Lehrplänen, Transportfragen und Kindern mit Schwerst-Mehrfach-behinderung. Die Antworten waren konkret, immer weiterführend und ließen oft staunen.
Mit einem Besuch der Sportpolitiker in der Biathlon-Hochburg Antholz klang der Besuch aus. Hier konnten spannende Parallelen zu den Thüringer Bemühungen um die Entwicklung Oberhofs gezogen werden. Fazit: wenn man sich auch manchmal als Konkurrenten um internationale Wettbewerbe begegnet, so kann man doch auch im Respekt voneinander lernen. Und die gemeinsame Leidenschaft Biathlon verbindet sowieso. Auch im Sport wird mit klaren Konturen und Verantwortlichkeiten gearbeitet und auch hier gibt es eine Budgetierung der Finanzen. Daran sollten auch wir in Thüringen anknüpfen.
Nun, wieder zurück in Erfurt, geht es im Bildungsausschuss an die Aufarbeitung der Fakten und an die Prüfung, an welchen Stellen genau Thüringen hier lernen kann. Dabei kann es kein Schema F geben.
Sicher: was in Südtirol im Bildungsbereich aufgebaut wurde, entstand seit den siebziger Jahren in einem längeren Prozess; was hier aufgebaut wurde, ruht auch auf dem Wohlstand einer der reichsten Regionen Italiens – aber es ist eben auch die Folge einer richtigen Schwerpunktsetzung, in der die Bildung als wichtigster Schatz der Region betrachtet wird. „Ja sicher“, sagt der Bürgermeister von Welsberg, „haben wir uns als Gemeinde für den Bau des modernen und lichten Schulgebäudes in den 1990er Jahren verschuldet. Jetzt tragen wir ab, Jahr für Jahr. Aber die Kommune, die ihre Mittel spart, und nicht in ihre Kinder, ihre Zukunft investiert, hat sich falsch entschieden.“




