Wahlkreistag mit Bildungsminister Helmut Holter

Michael Stammberger
Wahlkreis

Der Landtagsabgeordnete Knut Korschewsky hat Mitte Februar die krankheitsbedingte ausgefallene Kreisbereisung, welche bereits Anfang November 2023 stattfinden sollte, mit dem Bildungsminister Helmut Holter nachgeholt.

Erste Station auf dem straffen Programm war die Gemeinschaftsschule Joseph Meyer in Neuhaus-Schierschnitz, einem Ortsteil der Gemeinde Föritztal.
Nachdem der Bürgermeister Andreas Meusel in Anwesenheit der 1. Beigeordneten Sabine Kohl, der zweiten Beigeordneten Silke Fischer, der Schulleiterin Yvonne Eschrich, der Bildungsausschussvorsitzenden Almuth Beck und des zuständigen Schulamtsleiters Michael Kaufmann einen wissenswerten Einblick in die Geschichte der Gemeinde gab, kamen die Anwesenden auf das Hauptanliegen des Besuches zu sprechen.
Meusel betont mehrmals, dass die Betriebe in und um Neuhaus-Schierschnitz immer wieder signalisieren, dass sie für den Facharbeiternachwuchs eine Schule vor Ort benötigen. Die Verbindung Schule und Firmen ist immens wichtig. Auch das Vereinsleben, insbesondere die Nachwuchsgewinnung, steht und fällt mit einer Schule.
In Neuhaus-Schierschnitz soll ein Schulcampus entstehen. Nach Fertigstellung eines Anbaus an ein Schulgebäude sollen die Regelschüler mit dem Schuljahr 2024/2025 vom Altbau am gleichen Standort umziehen. Dieser ist heuer 70 Jahre alt und muss saniert werden. Dann sollen die Grundschüler vom Schulstandort Schwärzdorf, der ebenfalls zur Gemeinschaftsschule gehört, nach Neuhaus umziehen. Das Schwärzdorfer Hauptgebäude stammt aus dem Jahr 1911, die Anbauten von 1975 und 1986. Die Bedingungen in Schwärzdorf sind mehr als grenzwertig. Einige Räume sind bereits für die Nutzung gesperrt. Diese Schule hat also keine Zukunft. Jegliche Investition wäre sinnlos. So müsste allein für den zeitlich absehbaren Weiterbetrieb eine Feuerschutztreppe von mindestens einer halben Million € gebaut werden.
Der Neubau in Neuhaus-Schierschnitz, Gesamtkosten 8,2 Millionen Euro, unterstützt auch durch einen Millionenzuschuss von der Gemeinde Föritztal, wird dieses Jahr vollendet. Die Regelschüler erhalten beste Bedingungen. Allerdings kommt der Sanierungsplan für den Altbau nicht voran. Hierfür sind Gesamtkosten in Höhe von 5,54 Millionen Euro veranschlagt und Fördermittel aus der Schulbauförderung in Höhe von 3,32 Millionen Euro am 30.06.2023 angemeldet. Leider habe man bis heute von der zuständigen Stelle nichts gehört. Der Bildungsminister versprach, dieser Sache nachzugehen, zeigte selbst Unverständnis.
Die dritte Etappe für den Schulcampus ist der Neubau einer Turnhalle. Dieser ist derzeit mit Kosten von 8,3 Millionen Euro geplant. Eine Landeszuwendung über   4,97 Millionen € wurde bereits über die Sportstättenbauförderung beantragt. Minister Holter ist sich sicher, dass dieses Gesamtprojekt sinnvoll und zielführend ist. „Ich werde dieses Projekt im Auge behalten und helfen, wo ich kann“, versprach der Minister.

Bildungsminister, Schulamtsleiter und Landtagsabgeordneter begaben sich nun auf den Weg zu einer Stippvisite in das staatliche regionale Förderzentrum in Sonneberg. Empfangen wurde die Delegation von der Schulleiterin Heike Funke, einigen Lehrerinnen, Beate Meusel vom zuständigen Schulamt sowie der Leiterin des Schulverwaltungsamtes Sonneberg, Christina Mann, und vom 1. Beigeordneten des Landkreises, Jürgen Köpper.
Nach einer Schulbesichtigung stellte die Schulleiterin auch einige Projekte vor. So gibt es neben Spielplatz, Teich und Sportanlage auch einen Backofen.
Durch das Projekt „Vom Korn zum Brot“ lernen die Kinder verschiedene Brotsorten zu backen. Dabei haben sie natürlich viel Spaß. Die Kinder sammeln das nötige Holz im Wald, lernen die verschiedenen Getreidearten kennen, welche sie auch selbst mahlen dürfen. Die Vorbereitungen über Sauerteig bis zum Kneten können in der vorhandenen Lernküche stattfinden.
Jede Klasse darf zweimal im Jahr am Brotbackprojekt teilnehmen. Ein Highlight ist dabei die selbst gebackene Pizza zum Frühstück. Jedes Kind darf natürlich auch sein selbst gebackenes Brot in der selbst genähten Tragetasche mit nach Hause nehmen. Dies ist möglich, da der Bereich „Hauswirtschaft“ ein fester Bestandteil des Unterrichts an der Förderschule ist. Hier lernen die Förderschüler auch Wäschewaschen, Bügeln, Abwaschen, das Bedienen eines Herdes und vieles mehr. Der Bildungsminister zeigte sich tief bewegt über dieses Engagement.
Im anschließenden gemeinsamen Gespräch wurden natürlich auch die Nöte der Förderschule angesprochen. So gibt es an der Förderschule einen akuten Lehrermangel. Einerseits kommen kaum junge Lehrer nach, andererseits ist der Altersdurchschnitt der vorhandenen Belegschaft recht hoch.
Auch die acht Langzeitkranken deuten auf dieses Problem hin.
„Die Einstellung von ‚Sonderpädagogischen Fachkräften‘ entspannt zwar die Situation, kann aber nicht die Lösung sein. Diese sind meist Grundschullehrer oder kommen aus Kindereinrichtungen, haben aber nicht die erforderliche Qualifikation, was sich natürlich auch in der Bezahlung widerspiegelt“, so die Schulleiterin.
Diese Gesamtsituation hat natürlich Einfluss auf die Durchführung „Gemeinsamer Unterricht“ im Bereich der Inklusion. So können nicht alle Schüler von einer erforderlichen Fachkraft betreut werden. Entspannung könnte die Einführung von „Stützpunktschulen“ geben, ist sich Funke sicher.
Um Nachwuchs zu gewinnen und Interesse am Beruf Förderschullehrer zu wecken, bietet die Förderschule verstärkt entsprechende Praktika für Gymnasiasten und Berufsschüler an.
Holter macht diesbezüglich auf das Projekt „Schulporträt“ aufmerksam. Hier könnte die Schule für sich Werbung machen und Menschen ansprechen.
Als Dankeschön für das Interesse an der Arbeit der Förderschule durfte sich die Delegation über selbst gebackenes Brot der Projektschüler freuen.

Vorletzte Station an diesem Tag war die Sternwarte in Sonneberg-Neufang.
Der Leiter der Sternwarte Dr. Peter Kroll, der Museumsleiter Thomas Müller und Stadtrat Thomas Heine begrüßten den Bildungsminister und Landtagsabgeordneten auf dem Gelände der Sternwarte. So wurden dem Bildungsminister die 275.000 Fotoplatten, die weltweit zweitgrößte Sammlung von astronomischen Aufnahmen, vorgestellt und verschiedene Teleskope gezeigt. Die Forschung an veränderlichen Sternen ist eine Hauptsäule der wissenschaftlichen Arbeit. Thomas Müller ermöglichte anschließend eine Führung durch das Astronomiemuseum.
In einer gemeinsamen Gesprächsrunde verwies Dr. Peter Kroll auf das Grundproblem der Einrichtung: „Sowohl kommunaler Zweckverband als auch 4pi Systeme GmbH als Erbpächter sind Notkonstrukte, um die Sternwarte am Leben zu erhalten. Es fehlt an einer Grundfinanzierung, die es ermöglicht, diverse Fördermöglichkeiten überhaupt erst beantragen und nutzen zu können“, so Kroll.
Chancen sieht der Leiter der Sternwarte in einer Kooperation mit Hochschulen und Universitäten durch Projekte, Praktika und Vorlesungen sowie mit Schulen in der Region zum Beispiel durch MINT-Cluster. Es bestehen bereits Erfahrungen in der Hochschullehre durch Vorlesungen, Praktika und der Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten. Eine entsprechend notwendige Medienkompetenz ist bereits vorhanden. So ist es die Vision von Kroll, dass mit der Sonneberger Sternwarte ein Forschungs- und Bildungs-Campus in Südthüringen entsteht, z. B. als An-Institut der TU Ilmenau und in Kooperation mit der Universität Jena. Entsprechende Förderungen von Bund und Land wären dabei notwendig.
Ebenfalls müssen hunderte Physiklehrer in Thüringen für das neue Fach Physik-Astronomie qualifiziert werden. Die Sternwarte Sonneberg könnte hierbei als Ausbildungszentrum für Qualifikation und Studienort für angehende Lehrer dienen.
Holter ist von diesem Vorschlag begeistert und wird diesen weiterverfolgen. „Ich habe die Situation und Probleme der Sternwarte erkannt und bin gerne im Rahmen meiner Möglichkeiten bereit, an einer Lösung mitzuarbeiten“, so Holter am Ende des Besuches.

Die letzte Etappe der Ministertour war die öffentliche Diskussionsrunde im Gesellschaftshaus Sonneberg. Dort erwarteten den Minister mehr als 40 Teilnehmer. Neben Schulleiter und Lehrer waren zahlreiche Bildungsinteressierte zugegen. Holter zeigte eine Bilanz der Bildungsarbeit in Thüringen auf. Angefangen vom Personalabbaupfad der Vorgängerregierung bis 2014, welcher sich immer noch negativ bemerkbar macht, verwies Holter auf die zahlreichen Neueinstellungen von Lehrern, Verbeamtung und gleicher Bezahlung von Grundschullehrern, Realschullehrern und Gymnasiallehrern. Die geplante Einstellung von Pädagogischen Assistenten und Verwaltungsassistenten soll gleichzeitig zur Entspannung der Situation beitragen.
Einig war man sich in der gemeinsamen Diskussion über die Bedeutung von Schulsozialarbeitern, der Erhöhung des Praxisanteils beim Lernen sowie der Zustimmung für ein längeres gemeinsames Lernen.
Holter betonte in diesem Zusammenhang, dass verschiedene Parteien im Landtag hierbei eine grundlegend andere Meinung haben und die Landtagswahl 2024 auch über die weitere Ausrichtung der Bildung von großer Bedeutung sein wird.
Ein großer Diskussionspunkt war die Frage, wie gute Bildung für alle Schüler mit unterschiedlichen Nationalitäten gelingen kann. Es bestand eine große Forderung der Anwesenden, eine Möglichkeit zu finden, damit Schüler mit Migrationshintergrund, die nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland Schulpflicht haben, nicht sofort in reguläre Klassen unterrichtet werden, ohne dass sie der deutschen Sprache mächtig sind. Im Gespräch wurde deutlich, dass es mehr DaZ-Klassen (Deutsch als   Zweitsprache) oder Sprachintensivklassen geben müsse, um auch diese Schüler optimal für den Schulbesuch zu rüsten, sodass sie dem Unterricht folgen können und ein erfolgreicher Schulabschluss greifbar werde.
Angesprochen wurde ebenfalls, dass darüber nachgedacht werden müsse, dass in Thüringen Beamte, ähnlich wie in Bayern, für bestimmte Zeit auch Stellen in Gebieten, wo hoher Bedarf bestehe, annehmen müssen. Dieser Aspekt wird derzeit rechtlich geprüft, so der Minister.
Angesprochen wurde weiterhin, dass aufgrund der Heterogenität in den Klassenzimmern und dem inklusiven Unterrichten für den Lehrer trotzdem Zeit zum Fördern, aber auch zum Fordern bleiben müsse, was zu Überforderung der Lehrkräfte führt. Hier wurde auch angesprochen, dass Kinder mit Nachteilsausgleich und besonders Kinder mit einer LRS (Lese-Rechtschreib-Störung) gezielt gefördert werden müssen und das nicht im normalen Klassenverband und mit speziell ausgebildeten Lehrern durch zweijährige LRS-Klassen, damit die Schüler anschließend alle schulischen Aufgaben bis hin zur Ausbildungsreife problemlos schaffen.
Gesprächsbedarf gab es auch bei der Nachqualifizierung von Seiteneinsteigern, die keinen Hochschulabschluss haben und deshalb sehr verkürzt ausfällt. Holter verwies in diesem Zusammenhang auf gesetzliche Schranken, welche dem Bundesrecht unterliegen. Bei der Entfristung von Seiteneinsteigern müsse ebenfalls neue Wege gegangen werden, so der große Tenor.
Mit zahlreichen Impulsen und Fragen im Gepäck reist Minister Holter wieder nach Erfurt. Ein intensiver, konstruktiver und offener Austausch mit einem authentischen Minister wird den Gästen in Erinnerung bleiben.