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Begrüßung durch Bodo Ramelow, Vorsitzender der Fraktion
DIE LINKE im Thüringer Landtag

Vielen herzlichen Dank. Ich darf Sie im Namen der Landtagsfraktion DIE LINKE. herzlich willkommen heißen. Wir beschäftigen uns in der Landtagsfraktion mit einem ganzen Maßnahmenpaket: Was müsste in Thüringen als Ausgangspunkt und als Leitbild geschehen, um Initiativen zu ergreifen, dass mehr junge Leute in Thüringen bleiben? Wir haben nach wie vor einen Abwanderungsdruck, der enorm hoch ist, der Folgelasten auslösen wird, die unabsehbar sein werden - wenn wir nicht Gründe organisieren, wenn wir nicht Anreize schaffen, wenn wir nicht Ausgangspunkte schaffen, dass junge Leute sagen, ihr Lebensweg ist Thüringen, bleibt Thüringen oder soll Thüringen sein. Das heißt also: Abwanderung stoppen und Zuwanderung ermöglichen, denn es gibt überhaupt keinen Grund, warum ein so landschaftlich wunderschönes Bundesland scheinbar so wenig Attraktivität auf junge Leute hat, hier zu bleiben. Es sind insbesondere junge Frauen, die gehen. Wir erleben jenseits von der Frage der Lohnentwicklung und der Ungleichbehandlung Ost-West Fragestellungen aus europäischer Sicht. Ich bin gerade heute Nacht aus Barcelona zurückgekommen; wenn man sich aus der dortigen Perspektive dann Thüringen anschaut, hätten wir keinen Grund, nicht in den Wettbewerb einzutreten und zu sagen: Es ist spannend, in Thüringen zu sein. Trotzdem erleben wir rein statistisch und mathematisch andere Prozesse. Sie sind etwas geringer geworden, etwas gedämpft, aber sie sind noch nicht grundsätzlich verändert worden. Und da gibt es einen Ansatz, den wir als Landtagsfraktion entwickelt haben: das Thema Verwaltungsreform. Das hieß, dass wir im Wahlkampf und vor dem Wahlkampf gesagt haben, das Leitbild „modernste Verwaltung Deutschlands“ sein zu wollen. Ein Anspruch an sich selbst, um aus diesem heraus auch Akzente in der ganzen Bundesrepublik zu setzen.

Ein zweiter Anspruch war das Thema und ist das Thema Energiepolitik. Gerade komme ich von einer Fachtagung in Zella-Mehlis. Was ich dort habe besichtigen können, ist etwas, womit man eigentlich überregional punkten kann. Während man mit Fördergeldern an anderen Stellen versucht, irgendwelche großen Dinge zu initiieren, haben wir in Zella-Mehlis ein Modell, wo Elektroautos betrieben werden, wo Solartankstellen aufgebaut werden, wo ein integriertes Herangehen gewählt worden ist, wo ich sage, das ist vorbildlich. Solche Dinge muss man mehr schaffen, um jeweils dort herum – wie eine Art Nukleus – weitere Impulse zu setzen. Das heißt, mit dem Thema Energiepolitik könnten wir und müssten wir als Freistaat viel intensiver arbeiten, um wiederum Gründe zu schaffen, dass Menschen herkommen und sagen: Das ist total spannend, was ihr macht. Ich erwähne noch einmal Barcelona: Die Taxiflotte in Barcelona besteht aus Hybridfahrzeugen. Man wundert sich, dass eine Vielzahl von Taxis an ihnen vorbeifährt, von denen man nichts mehr hört – Elektroautos. Man findet dort an jeder Ecke mittlerweile eine entsprechende Stromtankstelle. Also Dinge, die man offenkundig komplexer zu entwickeln beginnt. Wir haben die Voraussetzungen in Thüringen. Es ist nicht so, dass wir jetzt etwas Neues entdecken müssten. Wir haben die Technische Universität Ilmenau, die führend in der Forschung ist. Wir haben die Solarstandorte usw. Das alles verbunden wäre wiederum ein weiterer Grund, Anreize zu schaffen, junge Leute herzubekommen und auch einzuladen, hier mitzuwirken.

Ein dritter Punkt ist der Bereich, zu dem wir heute zusammen gekommen sind, das ist Tourismus. Es hat sich in den letzten Jahren einiges im positiven Sinne verändert, aber als jemand, der sehr viel und sehr stark im Land zu Fuß – als Wanderer – unterwegs ist, erlebe ich manchmal, an welchen Grenzen wir uns in diesem Freistaat unter Wert verkaufen. Das heißt, dass die Gebiete der Vermarkter miteinander nicht so optimal kooperieren, wie sie kooperieren müssten. Das heißt, dass auch gastronomische Einrichtungen beispielsweise mitten in der Ferienzeit am Montag geschlossen haben. Sie gehen auf Wanderhütten, treffen unterwegs Mitmenschen, in meinem Fall war das eine belgische Wandergruppe. Da fehlte ein Hinweisschild, das ist mit Sicherheit abgefallen, das will ich gar nicht sagen, weil der Wanderweg ansonsten gut ausgeschildert war; und dann wandern wir an einen Punkt und irgendwann sagt meine Frau: „Da brauchen wir gar nicht hin. Ist heute Montag? Da ist zu.“ Da sage ich: „Sei nicht so pessimistisch.“ Es war Montag, meine Frau hatte Recht. Dieses Lokal mitten im Wald war zu, obwohl es ansonsten immer gut besucht ist. Das sind Dinge, wo ich sage, man muss über so etwas gemeinsam ins Gespräch kommen, denn Tourismus ist ein Markenkern thüringischer Entwicklung – in der Verbindung unserer Kulturlandschaft, in der Verbindung auch der Themen, der Angebote, die wir haben.

Wir haben jetzt mit dem Besuch des Papstes die Tourismuskarten, die Thüringenkarten offensiv vermarktet, was genau richtig war. Wir sind in der Vorbereitung zum Lutherjahr. Das wird ein zu erwartender Reiseandrang von Menschen aus der ganzen Welt sein, die nach Thüringen kommen und schauen wollen. Das alles allerdings immer verbunden mit Angeboten, die wir im Alltag organisieren müssen – also nicht zu warten, ob da jetzt das Highlight kommt, sondern zu organisieren, wie wir im Alltag Tourismus als unsere Chance betrachten. Deswegen will ich schon sagen, ist es notwenig, dass wir manches dicke Brett gemeinsam bohren. Da geht es nicht darum, ob wir als Opposition nun die besseren Konzepte haben, sondern wir sagen als Opposition, wir bringen den Baustein mit ein in die Debatte um Leitbilder für das Land Thüringen. Da gehört Tourismus als ein großes Leitbild dazu. Da gehört Bildung als ein weiteres Leitbild dazu, in einem Bundesland, in dem Fröbel gewirkt hat, in dem die Zuckertüte ihren Siegeszug in die Kinderhände gefeiert hatte, Jenaplanschule, Reformpädagogik usw. Das sind alles Ausgangspunkte, die in Thüringen etwas Besonderes sind, aber man muss sie miteinander verbinden, damit sie erfahrbar sind. Deswegen sind Erfahrungen, die man sammelt, wenn man mit wachem Auge durchs Land geht und an einem Sonntag eben eine große Porzellanmanufaktur mitten in der Ferienzeit zu ist, nicht unbedingt schön, wenn man Gäste hat, denen man zeigen will, was es an Thüringer Reichtum gibt. Und da gibt es nun wirklich sehr viel mehr als die Diskussion um den Rennsteig. Obwohl es sich auch lohnt, um den Rennsteig zu diskutieren, aber wir müssen, denke ich, Thüringen als Ganzes denken.

So will ich mit einer Episode mein Grußwort beenden. Ich hatte im letzten Jahr die Gelegenheit, dass eine überregionale Zeitung ein Porträt über mich schreiben sollte. Ich habe die Redakteurin dazu genötigt, mit mir wandern zu gehen, weil ich keine Lust hatte, sie in meinem Büro zu empfangen. Wir sind dann am Thüringer Meer wandern gewesen, und sie hat immer vor sich hingeschimpft und gesagt: „Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so schön ist, dann hätte ich den Fotografen unserer Zeitung bestellt.“ Da habe ich geantwortet: „Wir wissen, dass es hier schön ist, aber tun alles, dass es geheim bleibt.“ Ich sage das ein bisschen bissig, weil ich glaube, wir haben so viele wunderbare Seiten in Thüringen, die wir miteinander verbinden müssen.

Ich lasse mich nicht abbringen von der Idee, dass z.B. das, was an der Lahn gelungen ist – dass man einen ganzen Flusslauf als einen touristischen Highlightkomplex vermarktet – oder was an der Altmühl im Sommer ja zu Überforderung selbst auf der Altmühl geführt hat, dass dies auch bei uns möglich ist. Die Voraussetzung dazu haben wir. Die Menschen, die in den Betrieben in Verantwortung stehen und wissen, um was es geht, haben wir auch. Ich denke, man muss die Akteure noch deutlicher und noch intensiver zusammenbringen und, das sage ich mit Eigeninteresse, die Wertschöpfungskette unseres Bundeslandes beim Tourismus noch erhöhen. Das heißt, wir müssen dieses Produkt Tourismus eben auch so vermarkten, dass wir damit mehr Menschen in Lohn und Brot bringen, womit wir dann auch die Diskussion hätten, ob gleiche Löhne bezahlt werden könnten, nämlich nur dann, wenn auch gleichmäßig verdient und gleichmäßige Kalkulationen erstellt werden können. Das geht aber nur, wenn wir uns wechselseitig unterstützen und die Idee, Tourismus als Ganzes zu entwickeln, im Vordergrund steht. Dieses dicke Brett muss man dann weiter bohren, damit diese ärgerliche Geschichten, das ist aber Südthüringen, das ist aber Nordthüringen, das ist Ostthüringen ... endlich aufhören. Ich höre zwar, theoretisch wäre das nicht so, praktisch erlebe ich es aber anders: mit ThüringenCard, Thüringer Wald Card usw. Wie viele Plastikkarten muss man noch einstecken haben? Wenn man an den Bodensee fährt, bekommt man einmal ein Ticket. Mit dem kann man sämtliche Infrastrukturmaßnahmen in drei Nationalstaaten wahrnehmen. Man kann jedes Schiff besteigen, kann die Hochseilbahn benutzen und muss nicht überlegen, ist man jetzt in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland. Was am Bodensee gelungen ist, wird doch auch in Thüringen möglich sein. In diesem Sinne begrüße ich Sie recht herzlich zur Fachtagung!