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Die Tourismusregion Rennsteig Schwarzatal auf dem Weg zur Qualitätswanderregion

Dr. Erich Krauß, Ehrenpräsident des Thüringer Gebirgs- und Wandervereins

Meine sehr verehrten Damen und Herren: Ich spreche nicht ganz zu dem Thema, wie es im Programm steht, sondern ich spreche zu dem Thema "Die Tourismusregion Rennsteig Schwarzatal auf dem Weg zur Qualitätswanderregion". Ich denke, das passt besser in das Gesamtthema ländlicher Raum. Qualitätswanderregion ist ein Zertifikat, ganz neu, das noch nicht vergeben wurde, es wird vom deutschen Wanderverband vergeben. Es ist gleichzeitig ein Programm zur Entwicklung des Wanderns.

56 Prozent aller Deutschen wandern mehr oder weniger regelmäßig. Im Durchschnitt werden 10 Kilometer erwandert, die Wanderzeit beträgt etwa 3 ½ Stunden, es wird das ganze Jahr über gewandert, natürlich in den Monaten April bis Oktober wesentlich intensiver und mehr als in den übrigen Monaten. Hauptmotive für das Wandern sind einmal, Natur und Landschaft zu erleben, sich zu bewegen und etwas für die Gesundheit tun. Das Wandern ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, die Wanderer geben vor Ort ca. 7,5 Millionen Euro aus. Damit ist Wandern eine Chance für den ländlichen Raum. Unsere Region besteht ja auch aus einem ländlichen Raum, der nicht unbedingt von Landwirtschaft geprägt ist, sondern der sich ja vor allen Dingen zusammensetzt aus den Waldgebieten des Thüringer Waldes.

Wenn man Qualitätswanderregion werden will, muss man einige Bedingungen erfüllen können. Wir verfügen über eine sehr vielfältige Kulturlandschaft, mit herrlichen Wäldern, Wiesentälern, mit den Flusslandschaften, großen Wasserflächen, wir haben viele schöne Aussichten, idyllische Gemeinden und vor allem auch sehr gastfreundliche Bürger. Die Oberweißbacher Bergbahn bietet in der Region einen hervorragenden Anschluss an das Bahnzentrum in Erfurt, die Bedeutung von Erfurt ist ja bereits herausgehoben worden und ich denke, das wird sich für unsere Entwicklung sehr positiv auswirken. Wir haben mit der Bahn ein ganzes Wanderprogramm entwickelt, d.h. man kann an den Haltepunkten der Schwarzatalbahn aussteigen, kann eine Runde wandern zwischen 5 und 15 Kilometern und steigt an einem anderen Punkt wieder ein, um zurückzufahren. Das ist eine hervorragende Geschichte, die wir mit der Bahn hier verwirklichen konnten. Wir verfügen in der gesamten Region über ein umfassendes und in den meisten Bereichen auch gut markiertes Wegenetz, das es erlaubt, die unterschiedlichsten Wünsche der Wanderer zu erfüllen - also von der Langstreckenwanderung bis hin zum barrierefreien Spaziergang. Alles ist in unserer Region möglich. Die Region kann sich auf weit zurück reichende touristische Traditionen stützen, bereits vor 100 Jahren gehörte das Schwarzatal zu den wichtigsten Urlaubzentren Deutschlands und Thüringens. Mit dem Wirken Friedrich Fröbels, mit den Traditionen unseres Olitätenlandes haben wir Alleinstellungsmerkmale, die eng mit dem Wandern verbunden sind. Fröbel wollte, dass die Kinder in der Natur aufwachsen und die Buckelapotheker waren auf die Produkte der Natur angewiesen und die haben das Wandern sehr aktiv betrieben, in dem sie mit den Essenzen auf dem Rücken ganz Deutschland erwandert haben, um ihre Produkte zu vertreiben.

Wir haben natürlich bei der Arbeit auf wandertouristischem Gebiet in der Vergangenheit bestimmte Erfolge erzielt. Dazu gehört insbesondere 2005 der 105. deutsche Wandertag im Städtedreieck Saalfeld, Rudolstadt, Bad Blankenburg, der sich vor allem in der Region des Schwarzatals, was das Wandern anbelangt, abspielte. Wir haben 2008 und 2009 den Panoramaweg Schwarztal geschaffen, er ist seit 2009 ein zertifizierter Wanderweg. Mit seinen 135 Kilometern Länge gehört er zu den schönsten längeren Wanderwegen Deutschlands. Wir haben 2009 die kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Entwicklung der Tourismusregion gebildet. Sie hat mittlerweile 17 Kommunen als Mitglieder, zwei Leistungsträger. Sie hat eine arbeitsfähige Struktur und ist zurzeit die treibende Kraft für die weitere Entwicklung im Tourismus. Mit dem Beitrag "Wandern mit allen Sinnen Fröbels Schwarzatal wird die erste Qualitäts-Wanderregion Thüringens" haben wir uns 2012 am Tourismusbudget-Wettbewerb beteiligt. Wir haben zwar nicht gewonnen, aber ich denke, einen guten Beitrag eingereicht und vor allem mit dem Beitrag ein Programm, auf das wir in den nächsten Jahren gut aufbauen können. Wir haben mit der Thüringer Wanderakademie, die hier zu Hause ist, mit dem Geschäftsstellen vom Landesverband der Thüringer Gebirgs- und Wandervereine und des Thüringer Gebirgs- und Wanderverbandes Fachkompetenz vor Ort, die vor allem in der Ausbildung von Wegewarten, Gesundheitswanderführern über Jahre Erfahrung haben und diese nicht nur für Thüringen, sondern zum Teil für die angrenzenden Bundesländer mir ausbilden. Insgesamt sind das gute Voraussetzungen und auf dieser Grundlage haben wir uns viele Aufgaben gestellt, um in der Qualitätsentwicklung weiter voranzukommen. Wir brauchen vor allem ein Wegenetz, das so umgestaltet ist, dass alle wichtigen Sehenswürdigkeiten dort eingebunden sind, das einheitlich und vollständig markiert und mit Wegweisern ausgestattet ist, möglichst nicht auf befahrenen Straßen oder Asphaltstraßen verläuft, auch nicht auf Waldautobahnen der Forstwirtschaft, sondern vor allem auf naturbelassenen Wegen und das in seiner Gesamtlänge gewährleistet, dass es eben auch von den Kommunen erhalten, gepflegt und kontrolliert werden kann. Auf 1 Quadratkilometer haben wir durchschnittlich über 3 Kilometer Wanderweg. Die Region mit 300 Quadratkilometern verfügt damit über ein Wanderwegenetz von 1.000 Kilometern.

Müssen wir diesen Weg in dem gesamten Umfang erhalten oder lassen sich unsere Ziele auch mit einem verkürzten, aber qualitativ hochwertigem Wegesystem erfüllen? Voraussetzung für die Qualifizierung des Wegenetzes ist es, dass wir es digital erfassen, auch alle Einrichtungen von der Schutzhütte bis zur Bank, damit es gut verwaltet werden kann und damit es als Track runtergeladen werden kann von den Nutzern. Das heißt also, jeder der ein GPS-Gerät oder ein Smartphone hat, soll in die Lage versetzt sein, sich die wunderschönsten Wege auszusuchen, die er mithilfe der Geräte erwandern möchte. Wir werden an verkehrsgünstig gelegenen Punkten, wo wir Parkmöglichkeiten und Gastronomie haben, flächendeckend Wandereinstiege in der Region schaffen - d.h. Punkte, wo der Wanderer Informationen zum Wegenetz, zu den Angeboten findet und von diesen Einstiegen sollen Qualitätswanderrouten, ähnlich der zertifizierten Wege, aber eben nur in der Streckenlänge 5 bis 15 Kilometern aufgebaut werden, sodass man dort tatsächlich für alle Bedürfnisse ein vernünftiges Angebot findet. Diese Wandereinstiege sollen nach einem Grundmuster einheitlich für die gesamte Region ausgestattet werden, als Grundmuster greifen wir auf Fröbel zurück. Wir wollen dort die Spielgaben von Fröbel mit einsetzen als Säule für die Informationstafeln, als Sitzbank, als Tisch. Wir benötigen nicht nur Wanderwege und -einstiege, um im Wandern voranzukommen. Das ist ein vielschichtiger Prozess. Eine wichtige Rolle spielen die Gastgeber und die Gastronomie und die müssen wir stärker in die Tourismusentwicklung einbinden, dass wir sie als Partner für das Wandern gewinnen, indem sie sich als Qualitätsgastgeber qualifizieren - Gastgeber, die sich auf die Wünsche der Wandergäste eingestellt haben. Wir wollen für die Mitarbeiter der Betriebe Fortbildungsangebote zum Wandern schaffen. Es soll nicht so sein, dass man sagt, wenn du vom Wandern was wissen willst, dann musst du zur Touristikinformation, sondern der Gastgeber soll in der Lage sein, seine Gäste zu beraten.

Wichtig ist, dass wir es erreichen, dass sich der Trend, den wir seit Jahren haben, nämlich dass sich die Bettenzahl reduziert, aufhalten und umkehren. Wir brauchen hier neue Investitionen in die Hotelerie. Wichtige Einrichtung für das Marketing und die Wandergäste sind die Touristikinformationen. Die Situation ist die, dass wir in der Region fast in jeder Kommune eine Touristikinformation haben, die nicht leben und nicht sterben kann, die dann geöffnet hat, wenn die Gäste nicht da sind. Das müssen wir verändern. Wir brauchen keine große Anzahl, sondern wir brauchen ein paar leistungsfähige für die Region. Wir denken, dass es der richtige Weg ist, wenn wir dort hinkommen, dass die Touristikinformationen als kompetente Einrichtungen den Gästen zur Verfügung stehen und sowohl in der Auswahl der Wander- und Urlaubsziele als dann in der unmittelbaren Betreuung die Gäste gut beraten können. Auch dort gehört die regelmäßige Fortbildung der Mitarbeiter zu einer wichtigen Aufgabe. Voraussetzung dafür ist, dass wir wegkommen von Mitarbeitern auf dem zweiten Arbeitsmarkt. Wir brauchen fest angestellte Mitarbeiter, ansonsten ist Qualität dort nicht zu leisten.

Eine Qualitätswanderregion muss natürlich von den Gästen als eine eigenständige Region wahrgenommen werden. Wir brauchen deshalb eine klar abgetrennte Gebietskulisse. Darüber hinaus brauchen wir klare Abgrenzungen der Aufgaben zum Regionalverbund Thüringer Wald, wir sind ja Teil des Verbundes, und wir brauchen eine Abgrenzung zur TTG. Wir benötigen eine eigenständige innere Struktur und möglichst intensive Einbindung der Leistungsträger. Ich denke, Tourismus zu entwickeln, ohne die Leistungsträger mit im Boot zu haben, ist nicht zukunftsträchtig. Und wir brauchen eine enge Zusammenarbeit mit den Landkreisen und den Trägern der Kultur, mit dem Naturpark, mit den Vereinen und Verbänden, also allen, die auf dem Gebiet des Tourismus tätig werden. Mit dem vor Kurzem begonnenen Pilotprojekt "Strukturentwicklung" in der Leitprojektgruppe 3 beim Thüringer Wirtschaftsministerium und bei der TTG sind wir mit ausgewählt worden für die entsprechenden Erhebungen. Wir hoffen, dass damit eine kluge Weichenstellung für unsere eigenen Aufgaben erfolgen kann. Eine nachhaltige Sicherung der Wanderinfrastruktur erfordert, dass wir natürlich ganz klar festlegen, wer wofür die Verantwortung hat, wer die Wanderwege kontrolliert, wer sich dafür einsetzt, dass sie immer wieder in Schuss gehalten werden. Wir brauchen Regelungen zum Umgang mit Sperrrungen von Waldgebieten, also wenn der Forst tätig wird, das Gebiet nicht betreten werden kann, dann darf es nicht so sein, dass der Gast das erst erfährt, wenn er vor dem Sperrschild steht, sondern das muss er in seinem Hotel, der Touristikinformation und im Internet erfahren können. Wir brauchen natürlich generell eine ganz enge Zusammenarbeit mit allen, die sich für den Naturschutz verantwortlich fühlen, denn wir wollen die Natur erhalten, weiterentwickeln.

Zum Abschluss ein paar kurze Sätze zu den Wünschen an die Politik, denn alles, was hier in wenigen Worten skizziert wurde, lässt sich ja allein von einer Region nicht immer realisieren. Das muss vielmehr Hand in Hand mit der Politik gelöst werden. Wir brauchen eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen. Wenn eine Kommune nicht in der Lage ist, den Eigenanteil bei einem Förderprojekt aufzubringen, weil sie für den Tourismus kein Geld zur Verfügung hat, da es keine Pflichtaufgabe ist, dann werden wir im Tourismus in der Zukunft nichts erreichen. Wir brauchen eine echte Hinwendung in der Förderpolitik zur Nachhaltigkeit. Nur mit den Bindungsfristen in den Vereinbarungen zu arbeiten, das reicht nicht. Wenn die Kommune Dinge beantragt und diese gefördert werden, die von sich aus nicht schon zukunftsträchtig sind, dann wird das nichts, also wirklich auf qualitative Kennziffern abstellen, wenn es um die Förderung geht. Wir brauchen insbesondere für den Personennahverkehr vernünftige Verkehrsanbindung. Das, was sich zurzeit in unserer Region in den Urlaubsmonaten abspielt, das ist keine Förderung des Tourismus, sondern contra zum Tourismus. Ein ganz wichtiger Fakt: Wir stehen natürlich vor der Notwendigkeit, die Energiewende umzusetzen, wir wollen einen weiteren Ausbau der Verkehrswege und wir sind darauf angewiesen, dass unsere Forstwirtschaft vernünftige ökonomische Erträge einfährt. Aber das bitte alles mit Augenmaß und Blick auf Erhalt der Natur und Landschaft, denn das, was da zurzeit anzutreffen ist, ist so, dass es doch sehr viele davon abhält, sich in unserer Region aufzuhalten. Wir haben hier echte Probleme und das sehe ich vor allem mit Blick auf die Forstwirtschaft. Wenn es in unseren Mittelgebirgen weiter so geht, dass man mit 40 Tonnern das Holz dort abholen will, wo es geschlagen wird, dann bleibt vom Thüringer Wald in Zukunft nicht viel übrig. Hier muss umgedacht werden im Sinne der Erholungsfunktion des Waldes, im Sinne des Erhalts von Natur und Landschaft. Damit darf ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken.

Präsentation zum Fachvortrag

Feedback und Fragen zum Fachvortrag:

Knut Korschewsky: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Thüringen Forst? Wie notwendig ist diese Zusammenarbeit?

Dr. Erich Krauß: Also ich sagte ja schon, wenn es um die Sperrung von Waldgebieten geht, braucht man ganz einfach die Information, aber das ist ein Problem, was sicherlich ohne Schwierigkeiten zu lösen ist. Da muss man nur sich zusammensetzen und darüber sprechen. Aber entscheidend ist natürlich, dass wir generell bei allen unseren Maßnahmen diese Abstimmung suchen. Es bringt überhaupt nichts, wenn wir mit Wünschen aufwarten, wenn das nicht mit dem Forst abgestimmt ist - wenn der Forst nicht auch sieht, das ist eine Möglichkeit und sich darauf einstellt. Deswegen haben wir in unserem Ausschuss "Qualitätswanderregion" bspw. den Forst ständig mit am Tisch sitzen und wir versuchen, alles gemeinsam abzustimmen und zu beraten, auch wenn es um die digitale Aufnahme unserer Wanderwege und der Infrastruktur des Wanderns geht. Dort gibt es ja das Konzept Forst und Tourismus, wo das auch thüringenweit weitestgehend geregelt ist. Dort brauchen wir natürlich die ganz enge Zusammenarbeit, dass wir das nutzen können und dass das, was wir dort tun, auch in dieses Projekt mit einfließen kann. Es gibt dort viele Möglichkeiten und ich denke, nur miteinander können wir die Aufgaben lösen.

Knut Korschewsky: Welche Bedeutung haben bei der Entwicklung des Tourismus Zertifizierungen von Wanderwegen? Sind diese überhaupt notwendig oder könnte man auch ohne diese auskommen?

Dr. Erich Krauß: Man könnte sicher ohne Zertifizierung auskommen, wenn man die Wege auch ohne ein Zertifikat gut ausgestaltet. Aber das Zertifikat ist Ausdruck nach außen, dass es sich um einen Qualitätsweg handelt. Das heißt also, wenn wir Marketing betreiben, ist es ganz wichtig, weil es dem Gast die Sicherheit gibt, dass er hier einen gut ausgestalteten Wanderweg vorfindet und eine Region, in der für den Wanderer viel getan wird. Deswegen denke ich, ist es ganz wichtig, solche Zertifikate zu erwerben.

Knut Korschewsky: Wie steht die Wanderbewegung zur Frage "Wind im Wald"?

Dr. Erich Krauß: Sicher gibt es Stellen, wo es von der Landschaft und Infrastruktur her kein Problem wäre, dieses oder jenes Windrad in den Wald zu stellen - nur, wehret den Anfängen! Denn abzugrenzen, wo es angebracht ist und wo nicht, wenn erst einmal Bedarf geweckt ist und der Waldbesitzer, der ein Windrad über seine Bäume stellen kann, hat dann eine doppelte Verdienstmöglichkeit und wird dann immer dafür plädieren, dass in seinem Wald solche Geräte aufgestellt werden. Deswegen ist es sicherlich berechtigt, ganz intensiv darüber nachzudenken, ob wir die Windräder aus dem Wald herauslassen oder nicht. Von der Sache her ist es sicherlich an vielen Standorten möglich, aber man muss dann absichern, und da geht es nicht nur um den Naturschutz, dass die Landschaft, die Aussicht erhalten wird. Wenn überall Windkrafträder aufgestellt werden, dann sollte man sie nicht dorthin stellen, wo die Landschaft uns heute noch sehr viel für unsere Erholung und unser Wohlbefinden zu bieten hat.